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KEP ist Kurier-Express und Post (Rudolf Pfeiffer)

KEP aktuell 2/2013

Interessen und Fehleinschätzungen führen zu unterschiedlichen Ergebnissen über die Größe des Marktes

Jetzt haben wir drei verschiedene Ergebnisse zur Marktgröße KEP – ohne Brief. 17 Mrd. Umsatz sagen MRU GmbH und BdKEP, 15 Mrd. KE Consult und BIEK und nun durch Bundesnetzagentur und WIK (Wissenschaftliches Institut für Infrastruktur und Kommunikation) nicht einmal mehr 12 Mrd. Euro. Selbst die Logistikstudie der Fraunhofergesellschaft von Professor Kille hat sich inzwischen mit Ihren Zahlen den MRU/BdKEPErgebnissen und Betrachtungsweisen bis auf 1. Mrd. Differenz angenähert. Die Größe des Marktes mag für Unternehmen und ihre Entscheidungen von untergeordneter Bedeutung sein. Doch wenn mit den unterschiedlichen Marktzahlen bestimmte Interessen verfolgt werden, dann ist die Frage nach der wirklichen Marktgröße nicht so einfach von der Hand zu weisen. Marktabgrenzungen sind in jeder Branche ein heikles Thema. Nicht anders ist es in der Logistik. Vor etwa 20 Jahren wurde der Begriff KEP geprägt von BdKEP, DVZ und Manner-Romberg – damals als Abkürzung für Kurier-, Express- und Paketdienste. Diese Brancheneinteilung schien allen schlüssig zu sein.

Der umstrittenste Teil der Marktbetrachtungen waren immer schon die Kurierdienste, die KMUs der Branche, schillernd und offenbar schwer einzuordnen. Dies sind die unzähligen Stadtkurierdienste, die ohne umzuladen in der Region unterwegs sind oder als Direktkuriere europaweit. Schon zu Beginn der Begriffseinführung KEP fiel es vielen schwer, dass Stadtkurierdienste nicht nur Stadtkurierdienste waren, sondern viele Dienstleistungen anboten. Hierbei ist besonders erwähnenswert, dass sie bereits seit Mitte der achtziger Jahre eine neue Dienstleistung erfunden und umgesetzt hatten: Overnight. Nur Firmen war bekannt, dass es von den Stadtkurierdiensten eine bundesweite Dienstleistung gab, die sehr zuverlässig war: Zustellung bundesweit in den Städten garantiert am nächsten Werktag bis zehn Uhr. Es war die Erfindung eines bezahlbaren Expressverkehrs, zunächst im Nachtsprung auf der Schiene, ab 1990 auf der Straße. Dieser Expressverkehr entwickelte sich auch in anderen europäischen Ländern, die ebenso dezentral aufgestellt waren wie Deutschland; so z:B. in den Niederlanden und Norditalien. Weltweit bestand der Expressverkehr bereits durch Unternehmen wie DHL, FedEx und TNT, damals noch ein australisches Unternehmen, oder europäisch durch XP Express Parcel Service aus den Niederlanden, das bald von TNT aufgekauft wird. Wahrgenommen wurden jedoch eher nur die gro- ßen Dienste. Die vielen kleinen Stadtkurierdienste mit ihrem nationalen Expressdienst – Overnight – wurden in Marktstudien eher nicht beachtet. Dabei existieren sie heute noch unter den Namen GO! General Overnight, Der Kurier, KEP AG oder Ilonexs. In den frühen Logistikstudien, insbesondere durch die Fraunhofergesellschaft Erlangen, wurde zwar ein Paketmarkt berücksichtigt, aber die Kurierdienste wurden eingruppiert als Subunternehmen dieser Paketdienste oder von Speditionen, die lediglich die Auslieferungen der Waren vornahmen. Sie wurden nicht beachtet, da deren Umsätze bereits im Umsatz anderer Unternehmen enthalten sein sollte.

Die Missachtung einer Unternehmensgruppe hat trotz vorsichtiger Betrachtungsweise Methode. Die Paketdienste und großen Expressdienste hatten und haben offenbar ein explizites Interesse, ihren Umsatz mit anderen Branchenbeteiligten nicht zu teilen. Das Segment der KMUs erschien zu klein und wurde nicht betrachtet. Hinzu kommt, dass Post bei der anfänglichen Betrachtung des KEP-Marktes nicht einbezogen wurde. Post war der staatliche Dienst, subventioniert und nicht dazugehörig. Das änderte sich mit der beginnenden Postliberalisierung Mitte der neunziger Jahre. Die staatlichen Postgesellschaften hatten mit Argwohn die wachsende Konkurrenz der Dokumenten- und Paketbeförderung betrachtet und teilweise versucht, sich die neuen Dienstleistungen anzueignen wie z.B. durch das vorübergehende weltweite Austauschsystem EMS der Postgesellschaften. Im EU-Grünbuch zur Postmarktliberalisierung schlug sich der Einfluss der staatlichen Postgesellschaften und ihre Betrachtungsweise des Marktes nieder. Die EU-Bürokratie sprach nicht von KEP (oder CEP), sondern vom express and postal market. Post waren die klassischen Brief- und Paketdienstleistungen (der Post), express alles was nicht Post war, privatwirtschaftlich organisiert. Die noch staatlichen Postgesellschaften handelten daher unternehmerisch konsequent, indem sie den Paketdienstwettbewerb wie DPD, GLS, und schließlich auch trans-o-flex aufkaufen. Die niederländische Post übernahm als Besonderheit den Expressdienst TNT. Die Postliberalisierung konnte jedoch nicht ignorieren, dass es bereits einen Wettbewerbsmarkt gab, den man zur Unterscheidung dann express nannte. Gemeint waren damit die Unternehmen wie DHL, TNT und FedEx, die sich selbst Courier nannten. Nun war das angezettelte Verwirrspiel über den KEP-Markt perfekt. Express, für das viele Firmen die Bezeichnung Courier verwendeten, wurde mit dem deutschen Wort Kurier gleichgesetzt. So auch im deutschen Postgesetz. Der BIEK hat diese Gleichsetzung heute noch in seinem Namen. Da in der europäischen Vorstellung der messenger, was in Deutschland der Stadtkurierdienst ist, nicht vorkam, wurden jetzt erst recht die Stadtkurierdienste bei Marktbetrachtungen nicht weiter beachtet – mit Ausnahme bei der MRU-GmbH und ihren Marktanalysen.

In den letzten Jahren tat die Bundesnetzagentur ihr Übriges dazu, den KEP-Markt interessengeleitet zu betrachten, in dem sie das Postgesetz zur Grundlage machte, aber nicht mehr die unterschiedlichen Dienstleistungen. Dabei ist sie in zweierlei Hinsicht blind geworden. Sie teilt den Markt auf in lizenzpflichtige Briefdienstleistungen und in nicht lizenzpflichtige Dienstleistungen für Produkte über 1000 Gramm und bis 20 Kilogramm und übersieht offenbar absichtlich, dass es einen nicht-lizenzpflichtigen Dokumentenversand unter 1000 Gramm gibt und einen Paketversand über 20 Kilogramm sowie Dienstleistungen, die weder Dokumenten noch Paketversand sind. Die Bundesnetzagentur hebelt mit ihrem Vorgehen zum einen die europäische Postdienstrichtlinie aus. Diese kennt in der Definition von Post keine Gewichtsbegrenzungen. Lediglich für den Universaldienst werden Gewichtsgrenzen benannt. Im deutschen Postgesetz wird eine Marktabgrenzung durch Gewichtsgrenzen eingeführt, wie sie auch die Deutsche Post hat. Es ist nicht schwer zu erkennen, das von der Bundesnetzagentur, indem sie sich strikt an das Postgesetz hält, der Markt aus Produktsicht einer Firma, der Deutschen Post, definiert wird. Zum anderen macht die Bundesnetzagentur durch ihre Markteinteilung allgemeine und vergleichbare Marktbetrachtungen auf der Basis der europäischen Wirtschaftsklassifikationen unmöglich. Die Wirtschaftsklassifikationen unterscheiden in der Klassifikation „H Verkehr und Lagerei“ die Güterbeförderung, Abteilung 49 ff, von den Post-, Kurier- und Expressdiensten der Abteilung 53. Erklärend heißt es hier: „Diese Abteilung umfasst Post-, Kurier- und Expressdienste wie die Abholung, Beförderung und Zustellung von Brief- und Paketpost nach verschiedenen Regelungen. Eingeschlossen sind auch lokale Liefer- und Botendienste.“

Kurierdienste, bezeichnen wir sie einmal als Express-Post, gehören also in diese Abteilung Post. Nun mag man streiten, in welche Klassifikation die nicht lokalen Kurierdienste gehören, die keine Pakete, sondern Paletten und größere Ersatzteile auf langen Distanzen, aber auch regional befördern. Ihr Selbstverständnis ist mit Sicherheit das eines Kurier- bzw. Expressdienstes, denn sie befördern schnell und direkt ihre Ladung zum gewünschten Empfänger. Ihre Dienstleistung ist eher die eines Expressdienstes und nicht das einer Spedition oder der klassischen Güterbeförderung mit dem Lkw. Es gibt von daher gute Gründe, sie in die Klassifikation der Post- und Kurierdienste einzubeziehen, zumal eine Klassifikation nach Dienstleistungen leistungsfähiger ist als eine Klassifikation nach Produkten. Stadt- und Direktkuriere treten im Versendermarkt auf. Sie sind auch als Vermittlungszentralen mit Sicherheit nicht als Subunternehmer anderer KEP-Dienste zu betrachten und aus diesem Grunde aus der Marktbetrachtung auszuschließen mit dem Argument, Doppelzählungen zu vermeiden. Es überrascht nicht, dass sie hier und da auch als Subunternehmen anderer KEP-Dienste tätig sind, sei es als klassisches Zustellunternehmen für Speditionen und Paketdienste oder sei es innerhalb der Overnight-Kooperationen und Frachtenbörsen, um Sendungen anderer Kurierdienste zuzustellen. Subunternehmer in die Betrachtung nicht einbeziehen zu wollen, setzt voraus, sie als solche erkennen zu können. Paketzustellunternehmen und Kurierfahrer sind im Großen und Ganzen die Gruppe, die eher als Subunternehmen anderer KEP-Dienste gesondert zu betrachten sind. Dabei ist anzumerken, dass auch diese zwei Gruppen durchaus eigenständig auf dem Versendermarkt auftreten. Wir haben in der KEP-Branche (Kurier-ExpressPost) etwa 50.000 Unternehmen, davon ca. 300 Briefdienste, vielfach mit Zeitungszustellung, ca. 3000 Kurierdienste, Stadtkurierdienste, Long distance-Kuriere, Express- und die wenigen Paketdienste. Und es gibt ca. 30.000 selbständige Kurierfahrer und ca. 15.000 Zustellunternehmen. Die Zahlen lassen sich über die Berufsgenossenschaft Verkehr und die der Bundesnetzagentur nachvollziehen.

Diese oben genannte Aufteilung der Unternehmensstruktur und der Dienstleistungen zu missachten führt zu den unterschiedlichen und aus subjektiven Interessen motivierten Marktergebnissen. Da inzwischen immer deutlicher wird, dass Briefdienste sich dem Warentransport und Kurierdienste sich durch den lokalen online-Handel der klassischen Paketzustellung annähern, kommt zukünftig auf die Marktforscher zu, die Betrachtung des KEP-Marktes den sich verändernden Bedingungen anzupassen. Es macht somit immer mehr Sinn, sich weiterhin am Begriff der Dienstleistung zu orientieren. Hier wird nicht nach Produkten differenziert, die eher zur Verwirrung führen, sondern nach z.B. Dienstleistungen mit garantierter Zustellung zu einer bestimmten Zeit und Dienstleistungen, bei denender Zustellungszeitpunkt nach einer bestimmten Wahrscheinlichkeit erfolgt. Ersteres ist der Kurierund Expressdienst, direkt und zeitgenau. Das Zweite ist klassisch Post, die Zustellung von Dokumenten und Waren nach wahrscheinlichen Zeitverläufen. Insofern kommt der europäischen Einteilung des Marktes der kleineren Güter in express and postal im Nachhinein mehr Bedeutung zu als ursprünglich anzunehmen war – express selbstverständlich zu verstehen auch als Kurierdienst, Botendienst oder messenger. Damit ist der deutsche KEPMarkt umsatzmäßig etwa 27 Mrd. Euro groß. Zu den 17 Mrd. kommen etwa 10 Mrd. lizensierter Briefversand hinzu. Wahrscheinlich ist er noch größer, da zwar Sonderwege wie Bücherbelieferungen und Medikamentenversand schon betrachtet wurden, aber noch nicht als Post- oder Kurierbelieferung integriert wurden – soweit sie nicht schon im klassischen Paketversand bereits integriert sind. KEP ist Kurier-Express und Post und nichts anderes.

Rudolf Pfeiffer

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